GASTKOMMENTAR

Zwischen (dänischer) Reichsgeschichte und Randperspektive

Peter Asmussen ist SP-Politiker und Vorsitzender des Apenrader Rudervereins.

Erinnerungslücke: Dänemark leidet an einem fast vollständigen postimperialen Gedächtnisverlust, sagt Historiker Rasmus Glenthøj. Diese verkürzte nationale Erzählung könnte geopolitisch gefährlich sein. Eine tiefere historische Einordnung wird dringend benötigt, meint Peter Asmussen.

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Gastkommentar

Dieses ist ein Gastkommentar von einer Person, die nicht Teil der Redaktion des „Nordschleswigers” ist. Dieser Text gibt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Zwischen (dänischer) Reichsgeschichte und Randperspektiven in einem Interview in der Tageszeitung „Politiken“ vom 24. Januar 2026 stellt der Historiker Professor Rasmus Glenthøj, Syddansk Universitet, eine ebenso einfache wie unbequeme Diagnose: Dänemark leide an einem nahezu vollständigen postimperialen Gedächtnisverlust. Die vertraute nationale Selbstbeschreibung als kleine, im Grunde unschuldige Nationalstaatserzählung – geprägt von Niederlagen, innerer Sammlung und moralischer Selbstbegrenzung – sei historisch verkürzt und für die gegenwärtige geopolitische Lage womöglich sogar gefährlich.

Aus der Perspektive der deutschen Minderheit in Nordschleswig wirkt diese Einschätzung keineswegs überraschend. Denn wir gehören zu jenen Teilen der Geschichte, die in der dänischen Mehrheitsnarration oft nur am Rand vorkommen. Unsere Existenz ist Ergebnis jener imperialen und nationalstaatlichen Umbrüche, die in Kopenhagen meist auf das Jahr 1864 reduziert werden – als Trauma, Zäsur und Ausgangspunkt des „kleinen Dänemark“.

Glenthøj macht jedoch deutlich, dass diese Erzählung zu kurz greift. Über weite Strecken seiner Geschichte war Dänemark kein homogener Nationalstaat, sondern ein zusammengesetztes Reich: mit Norwegen, Island, den Herzogtümern, später mit Grönland und den Färöern. Dass man dänische Geschichte heute nahezu vollständig ohne diese Dimensionen erzählen kann, ist Teil des Problems. Die Folge ist eine tiefgreifende Asymmetrie der Erinnerung.

Diese Asymmetrie ist keine bloße Frage historischen Interesses. Sie prägt bis heute politische Sensibilitäten, gegenseitige Erwartungen und nicht zuletzt das Verhältnis zwischen Mehrheit und Minderheiten. Wer seine eigene Geschichte primär als Geschichte der Verluste und der moralischen Selbstbeschränkung erzählt, übersieht leicht, dass diese Geschichte für andere ganz anders erfahren wird.

Besonders bedenkenswert ist Glenthøjs Warnung vor einer zunehmenden Moralisierung der Geschichte. Kolonial- und Imperiumerfahrungen würden heute häufig mit gegenwärtigen Maßstäben beurteilt. Für Minderheiten, die in historischen Zwischenräumen leben, ist eine solche Schwarz-Weiß-Zeichnung wenig hilfreich.

Nicht zuletzt verdienen die Überlegungen von Rasmus Glenthøj Anerkennung, weil sie historische Einordnung und aktuelle Außenpolitik auf überzeugende Weise miteinander verbinden. Gerade in der gegenwärtigen außen- und sicherheitspolitischen Krisensituation rund um Grönland gelingt es ihm, gewohnte nationale Deutungsmuster aus ihrer Selbstverständlichkeit zu lösen und den Blick für langfristige historische Zusammenhänge zu schärfen. Seine Einwürfe haben mich – aus der Sicht eines geschichtsinteressierten Mitglieds der deutschen Minderheit in Nordschleswig – zum Nachdenken gebracht. Für diesen differenzierten Beitrag gebührt ihm Anerkennung.

Peter Asmussen 
Apenrade