ZUSCHRIFT

Repräsentation ist mehr als Beteiligung

Hände tippen auf der Tastatur eines aufgeklappten Laptops.
Symbolfoto

Andreas Geuss reagiert auf die Antworten zu seinem Leserbrief und betont: Engagement ist wichtig – doch Repräsentation entscheidet sich daran, wer sich tatsächlich angesprochen und vertreten fühlt.

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Zuschriften

Dieses ist eine Zuschrift. Leserinnen und Leser können sich auf diese Weise auf die Berichterstattung des „Nordschleswigers” beziehen und ihre Sicht der Dinge schildern. Die hier geäußerten Ansichten und Meinungen geben nicht unbedingt die Haltung der Redaktion wieder.

Antwort auf die Leserbriefe von Wencke Andresen & Niklas Nissen, Hinrich Jürgensen und Leif Curdes

Ich danke Wencke Andresen, Niklas Nissen, Hinrich Jürgensen und Leif Curdes ausdrücklich für ihre Antworten. Dass mein ursprünglicher Leserbrief eine Debatte ausgelöst hat, sehe ich als etwas Positives. Gerade in einer Minderheit ist offene Auseinandersetzung kein Risiko, sondern eine Voraussetzung für Zukunftsfähigkeit.

An Wencke Andresen und Niklas Nissen:

Euer Engagement, eure Energie und euer sichtbarer Einsatz – besonders im Kommunalwahlkampf – verdienen Anerkennung. Dass junge Menschen Verantwortung übernehmen und politische Wirkung entfalten, steht außer Frage. Mein Leserbrief zielte jedoch nicht auf eine Abwertung dieses Engagements. Wenn ich von Überalterung und Nachwuchsproblemen sprach, meinte ich kein Fehlen engagierter junger Menschen, sondern ein strukturelles Problem: einen Bruch in der Weitergabe von Zugehörigkeit und langfristiger Bindung innerhalb der gesamten Minderheit. Einzelnes Engagement und strukturelle Reichweite sind nicht dasselbe – und genau diese Differenz wollte ich benennen.

An Hinrich Jürgensen: 

Ich schätze deine sachliche Einordnung und den Hinweis auf Identitätsgespräche und laufende Projekte. Dass Identität im Wandel ist, ist unbestritten. Dennoch bleibt für mich eine zentrale Frage offen: Wie legitim und wirksam kann eine Organisation sein, die nur etwa ein Fünftel der Minderheit als Mitglieder bindet? Der gesellschaftliche Wandel erklärt vieles, aber nicht alles. Besonders der Hinweis, dass die Integration von Zugezogenen nicht Kernaufgabe der Minderheit sei, markiert jene Spannung, die ich beschrieben habe. Denn faktisch wird die Zukunft der Minderheit auch von Menschen geprägt, die nicht hineingeboren wurden – ob man das möchte oder nicht.

An Leif Curdes:

Dein Beitrag ist für mich besonders wichtig, weil er nicht verteidigt, sondern fragt. Ihr habt Zugezogene angesprochen, Kampagnen durchgeführt, Informationsmaterialien erstellt und Kandidat*innen aufgestellt – und dennoch blieb der erhoffte Effekt weitgehend aus. Aus meiner Sicht liegt ein möglicher Grund darin, dass zu wenig auf die tatsächlichen Lebensrealitäten und Bedürfnisse vieler Zugezogener eingegangen wurde.

Wer mit seiner Familie nach Dänemark kommt – oft voller Erwartungen an das „Traumland“ –, erlebt in der Praxis mehr Hürden, als jede Vorbereitung vermuten lässt. Sprache ist dabei eines der größten Probleme: Viele arbeiten acht Stunden am Tag, renovieren nebenbei ein Haus, besuchen zwei Abende pro Woche jeweils mehrere Stunden die Sprachschule – und sind nach einiger Zeit dennoch verzweifelt. Nicht aus mangelndem Willen, sondern weil sie fleißig Reichsdänisch gelernt haben, im Alltag aber einer ganz anderen Sprache begegnen: Synnejysk.

Hinzu kommen Integrationsschwierigkeiten, die man selten offen anspricht. Viele erleben, dass Integration mit den Dänen freundlich beginnt – aber oft an der sprichwörtlichen Türschwelle endet. Nähe, Zugehörigkeit und echte soziale Einbindung bleiben schwer erreichbar. In dieser Situation suchen Zugezogene Orientierung, Verständnis und einen Ort, an dem ihre Erfahrungen geteilt werden – nicht nur politisch, sondern kulturell und menschlich.

Wenn diese Bedürfnisse nicht ausdrücklich gesehen und aufgegriffen werden, bleibt auch die beste Ansprache wirkungslos.

Alle Beiträge zeigen: Es gibt Engagement. Es gibt Einsatz. Es gibt guten Willen. 

Was weiterhin offen bleibt, ist die Frage, wen der BDN und die SP tatsächlich erreichen – und wen nicht. Identität entsteht nicht allein aus Tradition, nicht aus Wahlkampfmaßnahmen und auch nicht automatisch aus politischer Nähe. Sie entsteht dort, wo Menschen sich verstanden fühlen und erleben, dass ihre Lebensrealität mitgedacht wird.

Meine Kritik war und ist kein Angriff auf Personen oder Generationen. Sie ist eine Einladung, die Lücke zwischen Selbstverständnis und Alltagserfahrung ernst zu nehmen. Wenn wir diese Diskussion offen führen, ohne Abwehr und ohne Schönfärberei, liegt darin eine große Chance – gerade für die Zukunft der deutschen Minderheit.

An Stephan Kleinschmidt: 

Deine Antwort ist als Kandidat für den Vorsitz des BDN klar positioniert und zukunftsorientiert. Der von dir beschriebene 5-Punkte-Plan, das Verständnis von Identität als offenes Projekt und die Vielzahl genannter Beispiele für personelle Erneuerung zeigen: Es bewegt sich etwas. Das stelle ich nicht infrage. Meine Kritik richtet sich jedoch weniger auf die Existenz von Veränderung als auf ihre Reichweite. Ein begonnener Generationenwechsel ist noch kein gelungener. Solange sich ein großer Teil der Minderheit – insbesondere Zugezogene – nicht angesprochen oder vertreten fühlt, bleibt die Frage offen, ob das entstehende „Minderheiten-Wir“ tatsächlich von allen mitgetragen wird oder vor allem von denen, die ohnehin schon nahe dran sind.

Andreas Geuss