Umwelt und Natur

Muschelfischerei: „Thyra“ kann Übergangszeit bis Verbot nutzen

Veröffentlicht Geändert
Thyra
Das Muschelfischerschiff „Thyra“ im Apenrader Hafen (Archivbild)

Weil die Absprache noch kein Verbot ist, kann die Besatzung der „Thyra“ weiterhin Muscheln in der Flensburger Förde fischen. Nach Angaben des Unternehmens hinter dem Trawler gibt es jedoch wegen des Sauerstoffmangels derzeit nichts zu holen. Politik und Organisationen fordern ein rasches Ende der Schleppnetzfischerei und sorgen sich um das Ökosystem Förde.

In den vergangenen Tagen war die „Thyra“ wieder auf der Flensburger Förde zu sehen. Das Muschelfangschiff kreuzte vor den Ochseninseln und lag anschließend zunächst im Hafen von Ekensund (Egernsund) und seit Ende vergangener Woche in Apenrade (Aabenraa) am Kai. 

Die Fahrten sorgten im Grenzland für Aufsehen und Kritik. Gilt nicht eigentlich seit Juli 2025 ein Verbot der Schleppnetzfischerei im Kleinen Belt – und somit auch in der Flensburger und Apenrader Förde?

Erlaubnis für zwei Fanggebiete

Die derzeitige Gesetzgebung sehe kein Verbot der Muschelfischerei in der Flensburger Förde vor, heißt es auf Nachfrage des „Nordschleswigers“ beim Unternehmen „Wittrup Seafood“, dem auch die „Thyra“ gehört. 

„Als Muschelfischer haben wir eine Lizenz, die uns das Fischen in einer Reihe von Gebieten erlaubt. Dazu gehören die Flensburger Innenförde und die Apenrader Förde. Wir bewegen uns immer zwischen den Gebieten hin und her, um die besten Muscheln hinsichtlich Größe, Fleischanteil, Bewuchs und weiteren Merkmalen zu finden“, schreibt das Unternehmen auf Nachfrage.

Die „Thyra“ war deshalb gerade in der Flensburger Förde unterwegs, wo nach dem letzten Fang ein großes Gebiet mit kleineren Muscheln zurückgelassen wurde. Diese sollten jetzt eigentlich zum Fang bereit sein. „Leider haben die meisten den Sommer nicht überlebt.“ Der Grund: Massiver Sauerstoffmangel in der Flensburger Förde hat die meisten Miesmuscheln getötet. Die Schleppnetze wurden daher nicht heruntergelassen.

Es gebe jedoch Muscheln für eine kurze Fischereisaison am äußeren Ende der Apenrader Förde, wo die „Thyra“ eine Zeit lang fischen werde. „Es ist schwer zu sagen, wie lange“, schreibt „Wittrup Seafood“.

Politische Absprache noch kein Verbot

Tatsächlich wurde zwar eine Absprache für ein Verbot der Schleppnetzfischerei am 1. Juli 2025 veröffentlicht, rechtlich bindend ist das jedoch noch nicht. Eine Verordnung oder ein Gesetz muss zunächst erarbeitet werden. In der von mehreren Parteien getragenen Absprache ist zudem eine Übergangszeit vorgesehen, die in ein Verbot einfließen soll. In dem Papier heißt es nämlich: „Die Vertragsparteien sind sich einig, dass die Rechte für den Muschelfang in den betroffenen Gebieten der Beltsee mit einer Frist von acht Jahren gekündigt werden. Gleichzeitig ist es das Ziel der Vertragsparteien, den Muschelfang in wilden Beständen in dieser Zone schneller als innerhalb von acht Jahren auslaufen zu lassen.“

Demnach sollen Maßnahmen ergriffen werden, um eine freiwillige Umstellung für die derzeitigen Muschelfischerinnen und -fischer in der künftigen Sperrzone zu ermöglichen – etwa durch den Wechsel zur Muschelzucht.

Fakt ist, dass die Thyra mit jedem Tag, an dem sie Muscheln mit Schleppnetz fängt, der Förde ein weiteres Stück Leben nimmt.

Leif Curdes

Weiter heißt es, die Vertragsparteien seien sich einig, dass die Ernte mit traditionellen Muschelschabern 2034 in der Sperrzone verboten wird – also erst in acht Jahren. „Sollten deutlich schonendere Muschelfanggeräte entwickelt werden, wird die Möglichkeit einer Umstellung auf diese Geräte im Rahmen der Vereinbarung diskutiert werden“, heißt es.

„Wir haben schon vor langer Zeit angekündigt, dass wir bereit sind, die Fischerei einzustellen und freiwillig auf Zucht umzustellen. Wir warten nur auf konkrete Möglichkeiten“, schreibt das Unternehmen dazu und verweist auf die Gesetzgebung.  

Die „Thyra“ in der Flensburger Förde (Archivbild)

Unternehmen reagiert auf Kritik

Die Besatzung des Muschelfangschiffs und das Unternehmen dahinter müssen sich derweil mit heftiger und auch persönlicher Kritik auseinandersetzen. Der Direktor von „Wittrup Seafood“, Rasmus Wittrup, sah sich sogar genötigt, einen Leserbrief zu schreiben, den „sonderborgnyt.dk“ veröffentlicht hat. Es sei „nicht angemessen, persönlich gegen Menschen vorzugehen, die ihr ganzes Berufsleben lang einen Beruf ausgeübt haben, den die Politik selbst für uns vorgesehen hatte“, heißt es dort. Er könne trotz der neuen Entwicklung nicht einfach aufhören, da er eine Verantwortung für die Mitarbeitenden im Unternehmen habe. Eine Umstellung brauche Zeit. 

Zeit, die die Flensburger Förde nicht hat. Tatsächlich ist der Zustand des Meeresarms katastrophal. 

Förde ist nachweislich krank

Die Verantwortlichen hinter der Organisation „Mission Förde“, zu denen auch das Unterwasserteam Flensburg (UWT) gehört und die sich für den Schutz der Küstengewässer einsetzen, sehen eine Gefahr für das Ökosystem. „Die Förde ist nachweislich krank“, sagt Tobias Kaiser vom UWT. Eine Heilung sei schwierig, aber noch möglich, sagt der erfahrene Taucher dem „Nordschleswiger“. 

Sollte die „Thyra“ jedoch die volle Zeit bis zum endgültigen Auslaufen der Lizenz fischen, sieht Kaiser schwarz. „Nach siebeneinhalb Jahren zusätzlicher Muschelfischerei können wir die stinkende Förde dann zuschütten und eine Gedenktafel errichten“, so die deutlichen Worte. 

„Das Bild am Fördegrund ist katastrophal“, fasst auch Naturschützer und UWT-Taucher Stephan Thomsen nach mehreren Tauchgängen im betroffenen Gebiet gegenüber „shz.de“ zusammen. Er bezeichnet das Ökosystem als „zerstört“. Sein Kollege Tobias Kaiser kann das bestätigen und verweist auf entsprechende Berichte des Landtags und dänischer Experten

Dass der Fischer nicht fischt, obwohl er darf, spricht Bände. Es ist dort nichts mehr zu holen.

Tobias Kaiser

„Dass der Fischer nicht fischt, obwohl er darf, spricht Bände. Es ist dort nichts mehr zu holen“, so der Taucher. 

Teuflischer Kreislauf um den Sauerstoff

Der fehlende Sauerstoff im Wasser sei auch eine Folge der Miesmuschelfischerei, so Kaiser. Muscheln filtern Nährstoffe aus dem Wasser. „Entnimmt man die Muscheln, gibt es zu viele Nährstoffe.“ In der Folge beschleunige sich der Algenwuchs, und es gebe am Ende zu viele Algen. Verrotten diese, verbrauchen sie Sauerstoff. Ein Mangel entsteht. 

Laut Kaiser habe die „Thyra“ zudem gegen Tiefenauflagen verstoßen und zu flach und zu dicht an Land gefischt. „Dabei geht das Seegras, welches die Förde eigentlich mit Sauerstoff anreichert, dort kaputt. Fehlt Seegras, fehlt Sauerstoff.“ 

Kritik an langer Übergangszeit

Dass die „Thyra“ im Auftrag von „Wittrup Seafood“ zunächst weitermachen kann wie bisher, sorgt auch für Unmut beim Stadtratskandidaten der Schleswigschen Partei für die Kommunalwahl, Leif Curdes. „Fakt ist, dass die Thyra mit jedem Tag, an dem sie Muscheln mit Schleppnetzen fängt, der Förde ein weiteres Stück Leben nimmt.“ Es sei daher außerordentlich wichtig, dass diese Fischerei so schnell wie möglich ein Ende nimmt. Andernfalls habe dies folgenschwere Konsequenzen für den Muschelbestand und die allgemeine Gesundheit der Flensburger Förde, so Curdes. 

SP fordert schnelles Handeln

Leif Curdes
Der SP-Kandidat für die Kommunalwahl, Leif Curdes, setzt sich für einen schnellen Stopp der Muschelfischerei ein.

Leif Curdes würde gerne sehen, dass sowohl die Reederei hinter der „Thyra“ als auch die dänische Regierung zur Verantwortung gezogen werden. „Wenn die Regierung es nicht schafft, den ‚freiwilligen‘ Ausstieg aus der Muschelfischerei vor der Frist attraktiv genug zu gestalten, dass die Thyra diesen in die Tat umsetzt, halten sich die Politikerinnen und Politiker nicht an die Abmachung.“ Auch für die Besatzung der „Thyra“ sei es wichtig, eine Alternative zur Muschelfischerei zu finden. 

Die sogenannte „Omstillingsordning“, die von der Regierung zusammen mit SF, LA, Konservativen, Einheitsliste, Radikaler Venstre und der Alternative angestrebt werde, müsse tragfähig sein.

In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass die „Thyra“ eine Lücke im Gesetz nutze. Richtig ist, dass eine Absprache kein Verbot ist, sondern lediglich ein Auftrag, eine Verordnung oder ein Gesetz zu erarbeiten. Dies dauert im Schnitt etwa ein bis zwei Jahre. Update am 7. Oktober 2025